Der Tierkreis in Japan: Warum das japanische Wildschwein kein Schwein ist

In meinem ersten Januar in Kyōto habe ich auf einer Neujahrskarte ein Wildschwein gesehen und kurz gedacht, jemand hätte sich vertan. Ich kannte den chinesischen Tierkreis nur aus deutschen Restaurant-Platzsets, wo im entsprechenden Jahr immer ein rundliches rosa Hausschwein abgebildet war. Das japanische Tier auf der Karte sah aus wie aus dem Wald entlaufen — struppig, mit Hauern. War es auch. Und das war kein Fehler, sondern der erste von mehreren Unterschieden, die ich in den folgenden Monaten kennengelernt habe.

Dasselbe System, andere Tiere

Der Tierkreis, den Japan verwendet — jūnishi (十二支) —, stammt aus derselben chinesischen Wurzel wie das System, das im großen Guide zum chinesischen Sternzeichen beschrieben ist. Struktur und Reihenfolge sind identisch: zwölf Tiere, zwölf Jahre, ein fester Zyklus. Bei der konkreten Übersetzung einzelner Tiere gibt es aber durchaus Abweichungen zwischen den Ländern, die das System übernommen haben.

Das bekannteste Beispiel ist das letzte Zeichen: 亥 (i). Im Chinesischen wird es meist als Hausschwein verstanden, im Japanischen dagegen konsequent als inoshishi — Wildschwein. Ein Tier mit spürbar anderer Symbolik: Wo das Hausschwein für Wohlstand und Fülle steht, gilt das japanische Wildschwein als Sinnbild für Entschlossenheit und ungebremsten Vorwärtsdrang — inoshishi gehen sprichwörtlich nur geradeaus. Auch das Ziegen-Zeichen (未, hitsuji) wird in Japan eher als Schaf gedeutet, in China klassisch als Ziege.

Der eigentliche Unterschied: der Kalender selbst

Interessanter als einzelne Tiere ist aber eine Verschiebung, die viel tiefer sitzt. Bis 1873 folgte auch Japan einem lunisolaren Kalender, fast identisch mit dem chinesischen System — inklusive eines beweglichen Neujahrsdatums. Das änderte sich mit der Kalenderreform der Meiji-Regierung: Auf den 2. Dezember des Jahres Meiji 5 folgte per Erlass direkt der 1. Januar 1873 nach gregorianischer Zählung. Fast ein Monat verschwand über Nacht aus dem Kalender, und mit ihm die Grundlage für ein bewegliches Neujahrsdatum.

Vergleich zwischen dem traditionellen beweglichen chinesischen Neujahr und dem festen japanischen Neujahr am 1. Januar seit 1873
Seit der Meiji-Reform fällt Japans eigenes Neujahrsfest fix auf den 1. Januar — unabhängig vom chinesischen Mondkalender.

Seither feiert Japan sein eigenes Neujahrsfest, shōgatsu, fest am 1. Januar — während das chinesische Neujahr weiterhin zwischen Ende Januar und Ende Februar wandert. Wie stark sich dieses bewegliche Datum auf die exakte Zuordnung eines Tierzeichens auswirken kann, zeigen wir konkret in Chinesisches Neujahr: Warum die meisten Sternzeichen-Tabellen falsch liegen. Für den japanischen Alltag hat das eine praktische Konsequenz: Das Jahrestier wird heute in aller Regel einfach mit dem Kalenderjahr mitgedacht, ganz ohne Rücksicht auf ein bewegliches Mondneujahr — weil Japans eigenes „Neujahr“ ja längst feststeht.

Die große Ausnahme: Nagasaki

Eine auffällige Ausnahme bestätigt die Regel. In Nagasaki, seit der Edo-Zeit Heimat einer der ältesten chinesischen Gemeinden Japans, wird das chinesische Mondneujahr bis heute groß gefeiert: das Nagasaki-Laternenfest, ursprünglich ein Fest der dortigen Chinatown, heute mit über eine Million Besuchern eines der größten Winterevents der Stadt — mit Drachentänzen, Laternenumzügen und einer Parade zu Ehren der Qing-Kaiserzeit. Für die rund 15 Tage des Fests richtet sich Nagasaki nach dem alten, beweglichen Datum — eine bewusste Ausnahme, die die kulturelle Verbindung zur chinesischen Gemeinde vor Ort ehrt.

Wo der Tierkreis heute wirklich auftaucht

Trotz der Kalenderumstellung ist der Tierkreis im japanischen Alltag lebendig geblieben — nur eben nicht mehr in erster Linie als Berechnungsgrundlage, sondern als kulturelles Motiv:

Vier Orte, an denen der Tierkreis im japanischen Alltag auftaucht: Neujahrskarten, Schreine, Maskottchen, Nagasaki-Laternenfest
Vom Briefkasten bis zum Schreinbesuch — das Jahrestier begleitet den japanischen Jahreswechsel bis heute.

Besonders die nengajō-Neujahrspostkarten sind bis heute eine ernstgenommene Tradition: Millionen werden jedes Jahr verschickt, viele mit einer künstlerischen Darstellung des kommenden Jahrestiers, und die japanische Post garantiert traditionell die Zustellung pünktlich zum 1. Januar. Wer in Japan lebt, merkt spätestens im Dezember, dass praktisch jedes Schreibwarengeschäft eigene Motive für „sein“ Jahrestier auf Lager hat.

Dein eigenes Zeichen — mit japanischem Kontext

Ob mit chinesischer oder japanischer Lesart: Das zugrunde liegende Jahr und Element bleiben identisch, nur die Symbolik einzelner Tiere unterscheidet sich. Dein eigenes Zeichen findest du hier, inklusive der exakten Berücksichtigung des chinesischen Neujahrsdatums:

Finde dein chinesisches Sternzeichen

Alle Angaben ohne Gewähr

Mehr zur Systematik dahinter — wie Tierzeichen und Element zusammen ein Jahr definieren — in Die fünf Elemente im chinesischen Tierkreis. Wie wir bei Japanzeit grundsätzlich mit kulturellen Quellen und Übernahmen umgehen, erklären wir transparent unter So arbeiten wir.

„Das Wildschwein auf der Neujahrskarte war für mich der Moment, an dem mir klar wurde: Ein übernommenes System bleibt selten unverändert. Japan hat sich den Tierkreis nicht einfach kopiert, sondern auf seine eigene Art weitergedacht.“

— Miriam Falkner, Redaktion Japanzeit

Häufige Fragen

Feiert Japan gar kein chinesisches Neujahr?

Landesweit nicht als öffentlichen Feiertag — mit der erwähnten Ausnahme lokaler Gemeinschaften mit chinesischen Wurzeln, allen voran Nagasaki, aber auch die Chinatowns in Yokohama und Kōbe.

Ist das japanische Wildschwein positiver oder negativer besetzt als das chinesische Hausschwein?

Weder noch — beide Deutungen sind positiv, nur unterschiedlich akzentuiert. Das chinesische Hausschwein steht für Wohlstand und ein gutes, sattes Leben, das japanische Wildschwein für Mut und Entschlossenheit.

Verwenden andere Länder in Asien ebenfalls eigene Varianten?

Ja — Vietnam etwa setzt an die Stelle des Hasen traditionell die Katze, eine der bekanntesten Abweichungen im gesamten ostasiatischen Raum.

Ein System, zwölf Tiere, mehrere Länder — und in jedem ein kleines bisschen anders erzählt. Genau das macht den Tierkreis am Ende interessanter als eine reine Rechenaufgabe.

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